Was für eine Gastfreundschaft? Eine laxe? Ein selten gebrauchtes Wort, das leger oder locker bedeutet. Ich mag das Wort, vielleicht weil es nicht häufig gesprochen wird. Überhaupt gibt es so viele tolle Worte, die fast ausgestorben scheinen, was sehr schade ist.
Aber zurück zu der laxen Gastfreundschaft. Vor einiger Zeit habe ich in dem Buch Leider nicht unsterblich* von Oliver Burkeman darüber gelesen und es hat mich sofort angesprochen.
Man versteht darunter in Kurzform einen entspannten, unkomplizierten Stil des Gastgebens, bei dem Perfektionismus zugunsten von Nähe und Echtheit abgelegt wird. Also Gäste auch dann einladen bzw. empfangen, wenn es nicht perfekt aufgeräumt und durchorganisiert ist. Das fand ich spannend.
Soweit die Theorie, die ich ganz gut fand. Praktisch bin ich normalerweise aber ganz anders unterwegs. Bis zum Feiertag am 6. Januar in diesem Jahr, als ich meinen Geburtstag bei mir daheim nachgefeiert habe. Natürlich war es super ordentlich, sauber und aufgeräumt – das ist aber normal, nichts besonderes. Ich liebe Ordnung und Struktur, das beruhigt einfach meinen Kopf, dadurch ergeben sich keine offenen To Dos in meinem Hirn. Soweit, so gut.
Ein kleines Loch in der Matrix war jedoch, dass ich – nicht wie sonst – eine Liste erstellt habe, um das Geburtstagsbrunch-Buffet (also jede und jeder bringt etwas dafür mit) ausgewogen mit salzigem und süßem Fingerfood versorgt zu wissen. Nein, ich habe nur darum gebeten, dass einfach etwas mitgebracht werden sollte, was die Gäste selbst für lecker halten und denken, dass es gut auf ein Buffet für ca. 30 Menschen passt. Es hätte also echt ganz dumm laufen können und wir hätten z.B. 20 mal Brezen mit Aufstrich, 15 unterschiedliche Nudelsalate, 13 Kuchen, Tomate Mozzarella in 12 Variationen oder etwas ähnlich Leckeres haben können. Nichts dergleichen ist passiert – es war das leckerste Buffet ever mit tatsächlich 30 unterschiedlichen Köstlichkeiten (natürlich viel zu viel), aber so vielfältig, dass es auch fürs Auge köstlich anzuschauen war. Jeder konnte sich reichlich bedienen, es gab auch verschiedene Kuchen und süße Teile, so dass es sich bis in den späten Nachmittag bei Essen und Getränken gemütlich gemacht wurde.
Warum erzähle ich dir das jetzt? Damit du schon einen kleinen Einblick erhältst, dass meine Sponataneität und mein Loslassen absolut belohnt wurden. Es war der lustigste und schönste Tag und hätte nicht besser laufen können. Zu meiner Idee mit den 48 Geschenken komme ich wann anders einmal…
Jedenfalls waren am Abend dann alle Gäste wieder daheim, Geschirr gespült, Vorräte verpackt und für die nächsten Tage (!!!) im Kühlschrank aufbewahrt, alles gestaubsaugt und gewischt. Kannst du dir ca. 30 Paar Schuhe und Jacken im Flur vorstellen? Ich habe leider vergessen, Fotos zu machen, aber das war einfach himmlisch anzusehen, dass soviel Leben in der Bude war ;). Ich saß dann also auf meiner Couch, die Katze auf meinem Schoß und blickte völlig beseelt in mein Wohn-/Esszimmer. Einfach happy, weil der Raum noch voller Gespräche war, die nachhallten in mir. Voller Gelächter, Gedanken und Fetzen von Erinnerungen.
Und plötzlich kam mir der Gedanke wie ein Blitz: Viel zu lange habe ich nicht mehr so viele Menschen eingeladen, so dass das Haus wirklich voll war. Und ich hatte auf einmal so einen Verlustgedanken, was mir alles an guten Feiern entgangen ist – weil ich zu selten Gastgeberin bin. Obwohl ich das total gerne mag, scheinbar in den letzten Monaten (oder Jahren?) aber einfach nicht gemacht habe, weil ich scheinbar die Mühe scheute. Den Aufwand davor, bevor die Gäste da sind. Wenn sie dann da sind, läuft es immer gut. Alle sind happy, inkl. mir und ich springe zwischen Küche und Esstisch herum und will allen die Wünsche von den Augen ablesen.
Wie gesagt, dann kam das Prinzip der laxen Gastfreundschaft in mein Leben, über die ich kurz vor der Feier gelesen habe und sofort elektrisiert war. Genau das ist es! Menschen in mein Haus einzuladen, auch wenn es nicht perfekt ist. Weil, wenn wir ehrlich sind, wen laden wir denn ein? Ja nur Menschen, die wir mögen. Freunde, Familie, gute Bekannte. Und wie schön ist es denn eigentlich, nichts inszenieren zu müssen? Wobei das bei mir nicht unbedingt für die Ordnung und Sauberkeit gilt, sondern eher für das Gastgeben an sich. So sein, wie ich bin, in meinen vier Wänden.
Eine meiner Devisen, die ich schon früh von meiner Mama eingebläut bekam, lautet: „Das Haus sollte immer so sauber sein, dass jederzeit – auch nachts – Gäste kommen können, ohne dass ich mich schämen muss“. Selten kamen bisher nachts unangemeldete Gäste, wäre auch echt unheimlich. Das Prinzip ist aber dennoch super und ich habe es so verinnerlicht, dass jederzeit jemand kommen könnte.
Aber zurück zur Inszenierung. Eine bewusste Gestaltung, um etwas bestimmtes zu bewirken, bedeutete wohl eher ein Gesamtkonzept. Zum Beispiel jederzeit ein spontanes Essen und leckere Getränke anbieten zu können, immer genug im Haus zu haben, was ich anbieten könnte. Wie lustig, dass mir hier gerade der Minimalismus, meine Lieblingslebensphilosophie, im Wege stand. Ja, stand in der Vergangenheitsform, denn ich verändere mein Leben gerade in dieser Richtung. Als Minimalistin habe ich eigentlich nie zu viel im Haus, bin für unsere Mahlzeiten perfekt mit Plan ausgestattet, unvorhergesehene Dinge passieren da eher nicht. Oder vielleicht eher in die andere Richtung, nämlich dass wir spontan auswärts essen und deshalb ein Gericht nicht gekocht wird, obwohl es auf dem Essensplan steht.
Und das klingt jetzt, da ich es hier aufschreibe, viel negativer, als es ist. Im Gegenteil ist diese Planung sogar tiefenentspannt, weil ich dadurch immer genau das im Kühlschrank und den Vorratsschränken habe, was ich für alle geplanten Essen in der Woche benötige. Ein verzweifeltes „Was koche ich heute?“ gibt es bei uns eher selten. Alle Zutaten vorrätig zu haben heißt eben auch, dass man jederzeit gut gerüstet ist, nicht hungrig noch schnell irgendwelche Lebensmittel kaufen muss. Und v.a. nichts wegschmeißen zu müssen, weil zu viel gar nicht schnell genug gegessen werden kann. Dann ist der Sohn, wie so oft, doch nicht mit zum Abendessen da und zack! Wieder etwas übrig geblieben. Das widerspricht meinem nachhaltigen Herz zutiefst, weshalb diese Planung bisher echt gut war.
Für die laxe Gastfreundschaft sieht es nun aber so aus, dass ich jederzeit auch gerne für spontanen Besuch vorbereitet wäre. Und da hat mich Oliver Burkeman gut abgeholt. Vielleicht muss ich gar nicht vorbereitet sein, sondern beziehe mögliche Gäste (wie gesagt Freunde, Familie, gute Bekannte) einfach mit ein. Nach dem Motto: Gießt Wasser zur Suppe, es kommen Gäste!
Also die Gäste auch dann ins Haus zu bitten, wenn es Spinat mit Kartoffeln und Eiern gibt, Schinkennudeln, eine Brotzeit oder sonstigen leichten, schnellen und für uns leckeren Alltagsgerichten. Denn wer zu mir kommt, rechnet zurecht nicht mit einem viergängigen, vier Sterne würdigem Menü, sondern will mich bzw. meinen Sohn und mich (und evtl. auch die Katze) sehen. Vielleicht braucht es also einfach noch ein paar gute, einfach leckere Gerichte, die jederzeit auf die Schnelle gemacht werden können – während die Gäste mit mir plaudern? Und überhaupt: Vielleicht braucht es einfach ein Makeover für meinen Essensplan?
Und macht es mich nicht eher authentisch und entspannt, wenn zur Not der Laptop oder Unterlagen weggeräumt werden müssen, damit noch ein Teller mehr auf dem Esstisch Platz findet? Oder die Freundinnen mit aufs Sofa kommen, weil wir spontan die Serie, über die wir so oft sprechen, gemeinsam anschauen. Entspannt es nicht im Gegenzug auch meine Gäste, dass auch sie nichts für mich inszenieren müssen? Spontane Gäste kommen gefühlt in den Vierzigern ohnehin seltener, hat doch jeder sein (voll getaktetes, durchorganisiertes und terminiertes) Leben. Oder geht es nur mir so? Kalender voll, wenig Raum für spontane Treffen, weil wenn schon einmal nichts im Kalender steht, ist das oft bewusst so. Metime quasi, die bitte nicht gestört werden soll. Oh je, ich klinge schlimm. Vielleicht gehe ich tatsächlich von meinem Alltag aus. Viele Arbeitstermine, viele Freizeit“termine“, Sport, Verpflichtungen usw. Aber sind es nicht oft die spontanen, ungeplanten Treffen, die sich einfach so ergeben, an die wir ganz lange lächelnd zurückdenken?
Diese laxe Gastfreundschaft spricht mich jedenfalls sehr an, macht übrigens einen meiner Werte, der da Authentizität heißt, noch deutlicher in meinem Leben. Authentisch Menschen an meinen Tisch oder auf meine Couch bitten, auch wenn nicht perfekt gestaubsaugt ist, auch, wenn die Spülmaschine ausgeräumt werden muss oder der Müllbeutel im Flur steht, damit ich ihn mit zur Tonne nehme. Unperfekt, wahrhaftig, den Moment genießend. Mitten im Jetzt, ich in Jogginghose (wir sprechen nicht von der sexy Laufhose, sondern von der super bequemen legeren – laxen? – Jogginghose), die ich abends nach der Arbeit eben gerne trage. Meine laxe Feierabendhose sozusagen 😉
Ich lade dich also ein, mich einmal zu besuchen (also nur, wenn wir uns gut kennen), auch spontan. Ich lerne gerade dazu. Habe an diesem Tag zwar vielleicht eine andere Planung, die ich aber gerne hintenanstelle – oder aber nicht, weil es doch sehr wichtig ist, aber dann sage ich das einfach – ganz authentisch.
Wie ist es bei dir? Bist du jederzeit auf Besuch eingestellt, schämst dich nicht, hast kein Problem damit, wenn der Wäscheständer im Wohnzimmer steht, Unterlagen auf dem Tisch liegen, du nicht geschminkt bist? Ich lerne noch, bin also eine Anfängerin in der laxen Gastgeberschaft – aber ich freue mich auf mein Azubidasein!
Deine
Petra
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