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Black Friday oder FOMO?

Was hat der Black Friday eigentlich mit Ängsten zu tun? Diese Frage stelle ich mir seit dem letzten Wochenende ziemlich häufig. Wir befinden uns in der sogenannten Black Week, die sich um den Black Friday spannt – ausgedehnt auf eine ganze Woche, oder schon den ganzen November? Wie praktisch, das genau dann zu machen, wenn es allerorts Weihnachtsgeld gibt. Böse ist, wer Böses denkt.

Weshalb ich seit letztem Wochenende daran denken muss: Im Coaching-Wochenende ging es u.a. um Emotionen, wo sie entstehen, welche Basisemotionen es gibt und wie viele (sieben!), dass es Kombi-Emotionen gibt (Verschmelzung verschiedener Emotionen plus evtl. noch Gedanken darüber) und wie wenig positiv empfundene Grundemotionen es doch gibt (nur zwei von sieben).

Hier kurz die 7 Basisemotionen (def.: Basisemotion als ein Gefühl, das eine Grundlage (= Basis) für weitere Gefühle darstellt und sich auf keine grundlegenderen Gefühle reduzieren lässt).

  • Freude
  • Trauer
  • Überraschung
  • Wut
  • Angst
  • Ekel
  • Scham

Weshalb nun also mein „Gefühl“, dass die Black Friday / Week / Year – Geschichte voll darauf abzielt, uns etwas verkaufen zu wollen? Fear of missing out sagt dir sicher etwas, die sogenannte Angst, etwas zu verpassen.

Gut, da ist sie also, die Angst. Die Angst, etwas zu verpassen, nicht mithalten zu können mit den anderen, die scheinbar alles – und das auch noch mühelos – haben. Angst ist eine der Basisemotionen, die Gefühle in uns auslöst, gegen die wir uns im ersten Moment scheinbar nicht wehren können. Scheinbar, denn genauer betrachtet geht es schon. Und jetzt kommt das Denken ins Spiel, genauer gesagt der Präfrontale Cortex, Teil des Frontallappens der Großhirnrinde.

Kurz etwas Theorie, bevor es praktischer wird. Folgende Aufgaben werden dem Präfrontalen Cortex zugeschrieben:

  • Mitwirkung an subjektiver Bewertung, Moralbewertungen und Empathie
  • Wichtiges Zentrum des Arbeitsgedächtnisses
  • Vorwegnahme der Konsequenzen von Handlungen
  • Mitwirkung an der Handlungssteuerung
  • Planung von zukünftigen Handlungen
  • Problemlösen
  • Emotionsregulation
  • Selbstkontrolle
  • Steuerung von Risiken und Angst

Hier ist sie also wieder, die Angst. Aber auch die Mitwirkung an subjektiver Bewertung, Vorwegnahme der Konsequenzen von Handlungen, Problemlösen und Kontrolle. Genau indem nun das Denken ins Spiel kommt und wir durch Worte unsere Gefühle/Emotionen (der Einfachheit halber verwende ich beide Begriffe jetzt synonym) beschreiben, können wir sie erkennen und regulieren. Übrigens auch einer der großen Unterschiede, die uns von Tieren unterscheidet. Die bewusste Planung und Steuerung, nicht nur ein Reagieren oder handeln nach Instinkten.

Wir funktionieren größtenteils unterbewusst, man sagt, nur zu 5% bewusst, die restlichen 95% sind Muster und unbewusste Prozesse, die für uns in der Vergangenheit gut funktioniert haben, so dass wir überlebt haben. Ja, wir haben überlebt – wie cool, oder? Unser ganzes System ist immer und ständig darauf ausgelegt, dass wir überleben. Ob wir gut leben, sei dahin gestellt. Aber evolutionstechnisch gesehen war überleben wichtiger als gut leben – erst in den letzten hundert Jahren hat dieser Zustand an Bedeutung gewonnen. Ein Luxusproblem, wenn man so will!

Doch zurück zu der Fear of missing out. Wovor haben wir denn nun Angst? Was gibt es denn zu verpassen? Was haben wir denn noch nicht, was man uns (ich werfe kurz die mutige These in den Raum: im Vorfeld völlig überteuert, so dass es man uns dann) im Angebot verkaufen möchte? Ich habe vor kurzem einmal meine Bestellungen beim Online-Großhändler durchgesucht, weil ich auf der Suche nach etwas war, das ich vor Jahren gekauft habe und bin erschrocken, was ich in den letzten Jahren alles so bestellt habe. So viel zum Thema Minimalismus! Interessanterweise ist mir beim Durchblättern in den Sinn gekommen, dass eigentlich nichts wirklich bedeutsames dabei war, was mein Leben nachhaltig verändert hat. Doch, Stop! Meine übergroße Decke, die 2,40 x 2,20 m groß ist. Diese Decke hat mein Leben, meinen Schlaf und eigentlich ALLES verbessert! Aber sonst? Hm… Erschreckend wenig.

Es ist, als ob ich immer auf der Suche nach etwas bin, was mich vervollständigt, besser macht, mich aufwertet. Und heute, als ich ein Paket für den Rückversand vorbereitet habe (lustigerweise eine Körperfettwaage, ja, lach‘ nicht!). Diese Waage ziert seit ein paar Tagen mein Badezimmer, ist auch mittels App steuerbar und zeigt mir alle meine Daten an (vielleicht ist einfach auch die Wahrheit nicht so schön, lügen soll sie ja auch nicht). Aber ein gutes Gefühl hat sie mir von Anfang an nicht gemacht, zumal ich schon eine ganz normale Waage im Bad habe. Jedoch dachte ich beim Bestellen, dass ich dann meinen Körperfettanteil kenne und ich gezielter trainieren kann, um diesen zu reduzieren. Also noch einmal zum Verständnis: Ich habe Geld dafür ausgegeben, um mir etwas zu holen, was mir kein gutes Gefühl macht. Genau der richtige Grund zum Kaufen, oder?

Und so bin ich nun einige meiner Bestellungen durchgegangen, habe überlegt, was davon ich aus welchem Grund gekauft habe. Und da kamen wieder die Basisemotionen ins Spiel.

Ein Grund für Konsum kann also sein, etwas gegen eine Emotion zu kaufen, um das Gefühl zu minimieren (Spoiler: klappt gar nicht so gut wie erhofft), oder aber um eine Emotion zu verstärken (im besten Fall bitte eine positive, nicht eine sich negativ anfühlende). Als kleine Erinnerung, es gibt nur zwei, die sich positiv anfühlen (Freude und Überraschung). Viele der Dinge, die ich in der Vergangenheit gekauft habe, haben nicht unbedingt auf das Glückskonto eingezahlt. Eigentlich sogar eher im Gegenteil, waren sie dazu da, etwas in oder an mir besser zu machen, zu optimieren. Aber was ist denn eigentlich nicht ok mit mir, dass ich denke, ständig etwas an mir optimieren zu müssen?

Da kam mir der überraschende Gedanke (und das war tatsächlich eine kleine Offenbarung): Was, wenn alles schon richtig ist und alles schon da ist? Wenn ich nichts mehr brauche? Beim Thema Nahrungsergänzungsmittel war ich z.B. in der Vergangenheit sehr oft ein Opfer der Influencer, weil sie gekonnt verkaufen, was mich besser/gesünder/schlanker/dies und das machen soll – und zwar schneller! Obwohl ich das vom Verstand natürlich weiß, dass Dinge ihre Zeit dauern, dass es eine Konsequenz braucht und gute Gewohnheiten, zielten diese Instatipps genau auf mein Gefühl, noch nicht gut genug zu sein. Oder sollte ich nicht doch noch ein weiteres Trainingsgerät anschaffen, das angeblich ein langes Training obsolet machen soll. Aber was, wenn schon alles da ist? Wenn das Nutzen der Ressourcen, die wir haben, genau richtig wäre? Wenn es nicht um das x-te Gerät / Ergänzungsmittel / Kosmetikprodukt / Gadget (ergänze hier gerne, was du so in der Vergangenheit bestellt hast) ginge, sondern alles schon da ist und ich es nur konsequent anwenden müsste? Einfach machen, einfach natürlich, einfach einfach. Ohne etwas zu kaufen?

Puh, da würde zukünftig keiner mehr an mir verdienen. Und weißt du was? Schon die Frage: Was, wenn ich schon alles hätte entspannt mich beim Nachdenken sehr. Ich habe meine Prime-Mitgliedschaft zum Ende des Jahres gekündigt und werde nun beinahe täglich per Mail daran erinnert, dass ich doch meine „Mitgliedschaft“ erneuern/verlängern soll, damit mir weiterhin alle Vorteile bleiben. Ja, das stimmt natürlich. Der kostenlose Versand würde mir zukünftig entgehen. Was aber, wenn ich zukünftig viel weniger kaufen würde bzw. müsste, weil ich ja schon alles habe? Weil ich keine Angst mehr davor hätte, nicht gut genug zu sein bzw. erst durch Produkt X oder Y oder gar Z wertvoller zu sein.

Ich bräuchte einfach kein weiteres neues und bahnbrechendes Ding, weil ich

  • mich gesund ernähre (ja, völlig langweilig regional und saisonal, ohne fancy Pulver oder Shakes)
  • ausreichend Pausen mache (und nicht immer noch höher, weiter, schneller funktioniere, auch ohne App gut machbar)
  • Sport treibe (btw völlig kostenlos, ich laufe seit Jahren voller Hingabe, mache außerdem meinen geliebten Kellersport (Kraftsport und / oder Fitness/Yoga/Pilates usw. mit YouTube-Videos))
  • Bücher lese, die auf meinem Stapel ungelesener Bücher liegen (oder in der Bibliothek ausleihe, in Bücherschränken finde, von Freundinnen ausleihe)
  • uvm.

Ich fürchte, dann wäre ich sicher nicht mehr die Wunschkundin des Onlineshops. Aber das wäre jetzt nicht unbedingt das Schlimmste für mich – dafür würde ich mir selbst wieder treu sein. Könnte meiner Angst, etwas zu verpassen, begegnen. Ohne teuer dafür bezahlen zu müssen.

Wie geht es dir damit? Selbstverständlich will ich hier nicht jeglichen Konsum verteufeln, es gibt auf jeden Fall gute Gründe, um etwas zu kaufen. Und vielleicht lohnt sich das ein oder andere Schnäppchen, wenn man etwas schon lange im Blick oder Warenkorb hat, am Black Friday tatsächlich.

Davon lasse ich mir dann einfach von dir berichten 😉

Viele Grüße aus dem Café –

Petra


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Kommentare

2 Kommentare zu „Black Friday oder FOMO?“

  1. Ein genialer Artikel! Ich wünsche sehr, dass er eine große Verbreitung und Echo findet.

    1. Oh wie lieb, herzlichen Dank dafür!
      Viele Grüße
      Petra

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