Vielleicht denkst du bei Resilienz an starke Menschen. „Starke“ Menschen, die allem trotzen, die unbeirrt ihren Weg gehen, komme was wolle. Was ist ein starker, resilienter Mensch in deinen Augen? Heute möchte ich dir meine Sicht darauf zeigen.
Am Wochenende hatte ich im Rahmen meiner Coaching Ausbildung zum systemisch integrativen Coach ein Seminar zum Thema „Systemische Resilienz und Biografiearbeit“. Der Inhalt dieses Seminars klang für mich sehr, sehr vielversprechend, so dass ich mich sofort zu diesem Wahlmodul anmelden musste. Bereits nach den ersten Stunden an diesem Wochenende wurde mir wieder einmal sehr bewusst, dass all das, was ich in den letzten Jahren durchgemacht, erlebt und verarbeitet habe, mich stärker gemacht hatte. Diese Stärke kam nicht durch ein besonderes Training oder einen Workshop, durch das Lesen von Büchern oder das Hören von Podcasts. Sie kam auch nicht über Nacht, sondern eher still und leise. Sie kam unauffällig, zwischen all den Terminen, Verpflichtungen und To-Dos.
In den letzten 15 Jahren habe ich drei Menschen meiner Ursprungsfamilie durch Krankheiten (Krebs) verloren (diese Geschichte verarbeite ich gerade schreibend in / an meinem Buch, das ich jede Woche am „Buch im Café“-Freitag schreibe, doch dazu wann anders mehr).
Was ist Resilienz?
Neben den Todesfällen habe ich außerdem die Trennung vom Vater meines Sohnes und die damit verbundene Scheidung hinter mir, den Neuanfang in Nürnberg, meiner Heimatstadt, und überhaupt einen kompletten Neuanfang in allem (Job, Freundeskreis uvm.) Ich erzähle dir meine Geschichte nicht, um dein Mitleid zu erhalten. Ich möchte dir von dieser Geschichte deshalb am Rande berichten, weil ich am Wochenende erfahren habe, dass es für all das, was ich überstanden und überlebt habe (und heute sogar sagen kann, dass ich ein glückliches Leben führe), ein Wort gibt. Es nennt sich Resilienz. Und plötzlich ergibt alles irgendwie Sinn.
Es gibt zahlreiche Definitionen von Resilienz, die hier aus dem Oxford Language gefällt mir besonders gut, weil sie es kurz und prägnant auf den Punkt bringt:
Psychische Widerstandskraft; Fähigkeit, schwierige Lebenssituationen ohne anhaltende Beeinträchtigung zu überstehen
Im Seminar haben wir einige unserer persönlichen Begriffe zusammengetragen, ein wertvoller Schatz an Worten, weil jede und jeder das auch für sich etwas anders interpretiert. Es fielen also einige Begriffe für Resilienz und was wir mit dieser Stärke verbinden. Unser Dozent nannte sie z.B. eine „Stehaufkraft“, es wurde auch der Begriff „psychisches Immunsystem“ genannt. Für mich persönlich ist es wie ein Schutzschild für die Seele, das zeigt, dass es immer weitergeht und dass man alles, was man erlebt hat, auch zum Positiven wenden kann – wenn man das möchte.
Schritt für Schritt
Wenn du mich heute fragst, würde ich nicht sagen, dass ich damals sonderlich stark war, sondern einfach nur funktioniert habe. Ein Funktionieren-Müssen als Alleinerziehende Mama, als Überlebende, als Übriggebliebene, war für mich eine riesige Herausforderung, bei der es keine Option zum Aufgeben gab (oder eher: geben durfte).
Rückblickend kann ich also sagen, dass mich dieses Weitermachen, dieses Funktionieren und dieses Meinem-Sohn-ein-Vorbild-Sein zu der resilienten Person gemacht haben, die ich heute bin. Trotz allem ein glückliches und selbstbestimmtes Leben zu führen, obwohl viel Schlechtes passiert ist. Der Alltag wollte weiterhin gestemmt werden, die Wäsche musste weiterhin gewaschen werden (der ewige Endgegner), Rechnungen mussten bezahlt werden, alles musste in Ordnung gebracht und gehalten werden, Termine und Verpflichtungen weiterhin wahrgenommen werden. Da aber aufgeben nie eine Option war, habe ich mich ganz bewusst für Leben entschieden. Und wenn schon leben, dann glücklich! Meinem Sohn ein Vorbild zu sein, war eine große Kraft, die ich rückblickend als eines der wichtigsten Tools in meinem inzwischen prall gefüllten Handwerkskoffer nennen möchte. Ich habe eine für mich passende Strategie entwickelt, eine Art Superkraft, um in diesen schweren Zeiten zu überleben. Und nicht nur zu überleben, sondern letztlich auch stärker, emotionaler, resistenter für das Leben und auch für zukünftige Ereignisse zu werden. Und ganz nebenbei, quasi ungeplant und nicht beabsichtigt würde ich sagen, bin ich dadurch viel bewusster und auch glücklicher geworden.
Du wirst hier keine klassische Heldengeschichte im Marvel-Style lesen, sondern eher eine Alltagsgeschichte einer ganz normalen Frau (naja, das normal gilt es noch einmal zu definieren, grins). Aber eins sei gesagt: Es waren nicht die super großen Taten oder Ereignisse, die mich rückblickend gestärkt haben. Vielmehr waren es die kleinen feinen Schritte im Alltag, kleine Entscheidungen, die ich ganz bewusst und aktiv getroffen habe.
Dennoch
- weiterzumachen, obwohl ich traurig war
- mit lieben Menschen im Kontakt zu sein, obwohl ich traurig war
- das Haus aus- und aufräumen, obwohl ich traurig war
All die kleinen Schritte
All die kleinen Schritte, die ich jeden Tag weiterhin gegangen bin. Obwohl ich voller Schmerz und Trauer war, immer wieder. Aber ein „nur überleben“ war für mich nie eine Option. Ja, ich überlebte. Ja, ich war voller tiefer Trauer, dass all meine Familienmitglieder nicht mehr da waren. Ich war zutiefst wütend, dass mir all diese Menschen genommen wurden. Aber ich lebte. Und wenn ich schon lebe, dann bitte auch glücklich, oder war das zu viel verlangt? Nur dass eben niemand kommt und dir ein gutes und glückliches Leben gibt. Das darfst du schon selbst regeln. Aber auch hier: Was wäre es für eine Vergeudung dieses Lebens, dass ich habe, dass mir geschenkt wurde, nicht positiv zu leben? Das war ein langer Weg, glaube mir. All die Jahre kürze ich hier zusammen im Zeitraffer! Viele Tränen, viel Wut, eine Trauertherapie, mein eigenes kleines Aufräumcoaching-Unternehmen Die Aufräumerei, jetzt die Ausbildung zum Coach. Immer wieder arbeiten, an mir arbeiten, Themen aufarbeiten, viel atmen, viel akzeptieren der Dinge, die so sind, wie sie eben sind. Die ich nicht ändern kann, nicht kontrollieren kann. Sehr wohl aber meine Einstellung dazu. Wie ich leben will, was ich aus all dem Erlebten gelernt habe, zu was es mich gemacht hat. Vielleicht ein Vorbild zu sein (für meinen Sohn hoffentlich, für andere vielleicht, definitiv für mein Zukunfts-Ich).
Ich würde sagen, jetzt ergibt alles einen Sinn. All das, was wir erleben, macht uns zu der Person, die wir heute sind, mit all den Erfahrungen, Schmerzen, der Trauer. All das macht uns bewusster, dankbarer, handlungsfähiger. Vor allem diese Handlungsfähigkeit ist es, die wir uns wieder holen sollten. Sie ist meines Erachtens wie ein Muskel, den wir trainieren sollten, um aktiv Entscheidung zu treffen, um für sich einzustehen, Schritte zu gehen, die wirklich nötig sind und diese auch zu gehen.
Genau diese Fähigkeit ist es meiner Meinung nach das, was einen Optimisten vom Pessimisten unterscheidet, eine aktive Entscheidung dafür, sich im Leben nicht als Opfer der Umstände zu sehen, sondern als aktiver Gestalter. Indem ich die Entscheidung treffe, die Schritte zu gehen, die nötig sind, so schwierig und groß sie auch erscheinen mögen. Schritt für Schritt, gut aufgeteilt und irgendwie verdaulich, sind sie möglich. Vielleicht nicht gleich, vielleicht fällst du auch, genau wie ich, immer wieder hin. Und richtest dich wieder auf. Und bekommst ein Gefühl dafür, selbst etwas für dich und dein Glück zu tun. Nicht schicksalhaft ausgeliefert zu sein, sondern aktiv gestaltest. Was für eine Selbstwirksamkeit, was für ein Stolz, was für ein Vertrauen in dich selbst! Unbezahlbar!
Das Thema Resilienz wird mich sicherlich zukünftig noch etwas begleiten, ich möchte dich mitnehmen, dir gerne noch mehr davon berichten, was Resilienz genau ist, was du selbst tun kannst, um resilienter zu werden – denn wie bei einem Immunsystem kann man auch hier prophylaktisch etwas zu. Nicht erst dann, wenn etwas passiert ist. Dich im Vorfeld zu stärken für die Unwägbarkeiten des Lebens, um dann vorbereitet zu sein und dem Sturm zu trotzen. Und lächelnd und gestärkt daraus hervorzugehen.
Herzliche Grüße
Deine Petra






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